Samstag, 14. August 2010

Auf den Spuren der Inkas

Der Wecker klingelte um 3:30, zur Unmenschlichsten aller Stunden. Mit mueden Augen verliessen wir unser Hostal und folgten ein paar Bahngleisen, die in die pechschwarze Nacht fuehrten. Bald merkten wir, dass der richtige Weg nicht auf den Schienen lag und blickten zum tosenden Fluss Urubamba hinunter, der durch das Tal zwischen 1000 Meter hohen Urfelsen floss. Da sahen wir sie, Gruppen von Leuchtkegeln, die geschwinden Schrittes auf einer asphaltierten Strasse entlangflitzten.

Wenig spaeter befanden wir uns unter ihnen. Menschen in neu gekauften Outdoorklamotten, die mit Stirnlampen und Wanderstoecken durch das tropisch anmutende Nebelwaldtal schritten. Wir fragten uns kurz, was wir hier machten. Aber dann kam uns wieder der Grund in den Sinn, aus welchem wir hier liefen, mit unseren flackernden Ein-Euro-Taschenlampen, in diesem Strom von eigenartig motivierten Menschen, am Ufer dieses reissenden Andenstroms:

Wir wollten auf den Spuren der Inkas wandeln, wie sie ueber in den Berg gehauene Steinstufen zu einer heiligen Staette in den Bergen wandern. Da es sich bei diesem Heiligtum jedoch um das weltberuehmte Machu Picchu handelte, das taeglich von knapp fuenftausend und jaehrlich von mehreren hunderttausend Touristen besucht wird, waren wir in der Mitte der Nacht aus unseren Betten gekrochen. Etwas naiv hatten wir gehofft, damit den Massen zuvorkommen koennen.

Nach zwanzig Minuten erreichten wir eine Bruecke, die den Urubamba ueberquerte. Es war viertel nach vier. Zu unserem Erstaunen sahen wir, dass sich eine Menschentraube vor der Bruecke versammelt hatte. Mehr Gestalten mit atmungsaktiven, eng anliegenden Hosen und neu aussehenden Wanderrucksaecken. Bald hatten wir in Erfahrung gebracht, dass vor kurzem ein Tor an der Bruecke installiert wurde, das erst gegen fuenf Uhr seine Pforten oeffnet. Die Taktik dahinter war einfach zu durchschauen: der erste Touristenbus aus dem im Tal von Machu Picchu gelegenen Touristendorf Aguas Caliente fuhr um halb sechs los und brauchte 25 Minuten. Die Tore von Machu Picchu, zu diesem Zeitpunkt 500 Hoehenmeter im Dunst ueber uns gelegen, oeffneten um Punkt sechs Uhr. Fuer den Aufstieg benoetigte man etwa eine Stunde. Man wollte also wohl gewaehrleisten, dass die eifrigen Wanderer nach den bequemen Busreisenden (die passenderweise fuer die Busfahrt 6$ bezahlt hatten) ankamen. Das aergerte uns etwas und wir waren verwirrt, dass niemand um uns herum unseren Unmut zu teilen schien. Stattdessen wurden Parolen wie "Let the race begin! High Five!" ausgetauscht.


Menschenschlage gegen 4:30 vorm neu errichteten Bruecken-Tor am Urubamba

Man mag sich fragen: warum ueberhaupt die Eile? Nun, taeglich duerfen nur 400 Leute den Wayna Picchu, den Gipfel, der ueber Machu Picchu thront, besteigen - eben jene, die zuerst das Gelaende betreten. Daher die ganze Eile und die Menschen mit ausgekluegelter Wanderausruestung. Daher der Unmut ueber die Sabotage des Busboykotts.

Um kurz vor fuenf wurde schliesslich das Tor an der Bruecke geoeffnet. Dann begann ein schweisstreibender Aufstieg, der uns Heidelberger etwas an den Gang zur Thingstaette in der Walpurgisnacht erinnerte - nur mit weniger Betrunkenen und mehr fanatischen US-Amerikanern.

Etwas entnervt stiegen wir also schliesslich ueber antike Stufen den steilen Hang des Nebelwaldes hinauf. Um uns herum schnaufende Menschen mit Stirnlampen, die immer stiller wurden, je weiter wir stiegen. Nach halber Strecke lichtete sich das Feld und wir fuehlten uns fast allein - bis auf das Klacken der Wanderstoecke auf den Stufen unter uns. Ueber unseren Koepfen funkelten einzelne Sterne und in unserem Ruecken verdunkelte ein riesiger Bergfelsen den Himmel, der wie ein stummer Riese ueber dem Urubamba-Tal wachte.

Als wir gegen kurz vor sechs am Tor von Machu Picchu ankamen, daemmerte es bereits. Wenige Minuten nachdem sich die K. und ich durchgeschwitzt in eine lange Schlange eingereiht hatten, kam der erste Bus an. Ehe wir uns versahen bekamen wir unseren Wayna-Picchu-Stempel auf unsere Eintrittskarte. Wir hatten es geschafft! Ohne Wanderstoecke, Stirnlampe oder Touristenbus.

Machu Picchu in der Morgendaemmerung


Machu Picchu in der Morgenroete entschaedigte schliesslich fuer die Strapazen der letzten Stunden. Gegen 6:00 morgens waren wir noch fast allein auf der weitreichenden Anlage. Wir konnten uns vorstellen, wie hier einst vor fuenfhundert Jahren das Leben erwachte, Inkas aus ihren nach Osten ausgerichteten Fenstern blickten und den Tag wilkommen hiessen.

Sonnenaufgang im Heiligen Tal der Inka

Gleich um 7:00 bestiegen wir den Wayna Picchu ueber steile Stufen, die zu einer irreal hoch gelegenen Wachanlage fuehrten, auf der einst Inka-Wachposten ins 800 Meter tiefer gelegene Flusstal spaehten. Spaestens jetzt hatte uns der Zauber der Ruinen in seinen Bann gezogen. Wir waren uns sicher, dass das hier beeindruckender war, als alle zuvor besichtigten Inka-Ruinen (Pisac, Ollantaytambo) zusammen.

Ausblick vom Wayna Picchu

Wir verbrachten den Rest des Tages auf der Anlage. Zwischen 10:00 und 13:00 wurde diese durchaus erwartungsgemaess von sinntflutartigen Touristenstroemen ueberschwaemmt. Wir nutzten die Zeit fuer ein Mittagsschlaefchen in einer abgelegenen Ecke. Als wir nachmittags uns an den Abstieg machten waren wir zwar kaputt, aber fasziniert von dieser Staette, die uns kurz in eine Welt versetzt hatte, die so weit von unserer westlichen entfernt war wie der Mond.

Zurueck in unsere Welt holte uns dann Aguas Caliente: Touristenscharen in Flipflops und mit Sonnenbrand, die eine enge Fussgaengerzone entlangschritten und von allen Seiten von laut auf Englisch werbenden Restaurantbesitzern bedraengt wurden, ob sie nicht das Abendmenu fuer 7$ wollen - Happy Hour, Happy Hour! Nachdem wir uns am Tag zuvor in eines der Restaurants hatten luren lassen und schlecht gegessen hatten, suchten wir verzweifelt Alternativen zur ueberteuerten touristischen Massenabfertigung. Die Inkagoetter schienen mit uns gewesen zu sein, denn wir entdeckten einen kleinen Markt, an dessen Seite eine versteckte Treppe in den zweiten Stock fuehrte. Hier assen die Einheimischen an Markstaenden fuer 2$. Den Teller mit Reis, Gemuese und Lammfleisch bereitete eine nette Marktfrau keine zwei Meter von mir innerhalb von fuenf Minuten zu. Es war das kulinarische Highlight meines Peru-Aufenthalts. So gedachten wir der Inka, die einst 500 Meter ueber unseren Koepfen Kartoffeln und Kochbananen assen, und unsere Sorgen wahrhaftig fuer die eines Marsmenschen gehalten haetten.

Mittwoch, 11. August 2010

Cusco - die assimilierte Stadt

Einst war Cusco die Hauptstadt des Inkareiches, das sich um 1500 n.Chr. vom heutigen Chile bis nach Kolumbien erstreckte. Die Inkas waren ziemlich ueberraschend innerhalb von hundert Jahren vom beschaulichen Andenstaemmchen zum groessten Imperium des amerikanischen Kontinents herangewachsen. Cusco bildete dabei in jeder Hinsicht das Zentrum des Grossreichs - sowohl als Ausgangspunkt des tausende Kilometer langen Strassennetzes der Inka, als auch als Verwaltungs- und Kulturzentrum. Die Inka hatten zwar keine Schrift (weswegen gesicherte Erkenntnisse ueber ihre Kultur nur bedingt existieren), konnten aber Bronze bearbeiten und die Sterne lesen. Menschenopfer gab es zwar, wohl aber sehr vereinzelt und wenn dann vor allem, um die Naturgoetter zu besaenftigen - jede Naturkatastrophe war fuer die Inka ein Zeichen des Zornes einer Gottheit. Insgesamt hatten es sich die Inka Anfang des 16. Jahrhunderts gerade gemuetlich in ihrem Grossreich gemacht.
Der Plaza de Armas in der Abenddaemmerung

Dann kamen die Spanier. Um 1520 schwappte eine von den ersten Europaeern eingeschleppte Pockenepidemie von Mittelamerika ins Inkareich ueber, an der viele der dem Krankheitserreger schutzlos ausgelieferten Inkas zu Grunde gingen. So auch der beruehmte Inka-Koenig Huayna Capac. Er hinterliess einen legitimen Sohn in Cusco (Huascar), bevorzugte wohl aber seinen von einer Kokubine in Quito geborenen Sohn Atahualpa. Die Folge war ein bitterer Buergerkrieg, der das Inkareich spaltete.

Die 180 Spanier, die 1532 im heutigen Peru landeten, fanden ein geschwaechtes und zermuerbtes Land vor. Inspiriert von der hinterhaeltigen Gefangennahme des Aztekenherrschers Montezuma durch Hernan Cortes wenige Jahre zuvor, gelang es den Spaniern, den aus dem Buergerkrieg siegreich hervorgegangenen Atahualpa in einen Hinterhalt zu locken und als Geisel zu nehmen. Anschliessend marschierten die Konquisatoren nach Cusco und setzten den Marionetten-Herscher Manco Capac ein. Atahualpa wurde bereits vorher von den spanischen Reitern hingerichtet - allerdings erst nachdem sie einen kompletten Raum voller Gold und zwei Raeume voller Silber als Loesegeld fuer das Inka-Oberhaupt eingestrichen hatten.

Der Widerstand der Inkas sollte noch weitergehen, dieser Streich war aber ohne Frage der Anfang vom Ende. Insgesamt machten die Konquisatoren dank ihrer Feuerwaffen, ihren Schlachtroessern (Pferde waren in Suedamerika zu diesem Zeitpunkt komplett unbekannt) und ihren Kampfhunden mit zahlenmaessig weit ueberlegenen Inkaheeren kurzen Prozess.
Die spanische Krone zementierte in den folgenden Jahrzehnten ihre Macht in Peru, indem sie die Festungen der Inkas niederreissen und Kirchen auf die Fundamente der Inkatempel bauen liess. An der Pazifikkueste wurde als neue Landeshauptstadt Lima gegruendet. Ausserdem wurde die Inkasprache Quechua verboten und der Katholizismus zur einzig gueltigen Religion erklaert.

Die Kathedrale San Cristobal, die auf den Fundamenten des Sonnentempels (dunkle Mauer rechts unten) erbaut wurde

In den folgenden vier Jahrhunderten wurde Cusco zur abgelegenen Andenstadt mit huebschen Mauerresten aus der Inkazeit und imposanten katholischen Kathedralen. Ende des 19. Jahrhunderts wurden dann immer mehr der teils vergessenen Inkafestungen in abgelegenen Bergtaelern rund um Cusco entdeckt, darunter auch das 75 km entfernte Machu Picchu. 1983 wurde diese groesstenteils erhaltene Inkastadt zum UNESCO-Weltkulturerbe erklaert.

Dann kamen die Touristen. Der Strom Schaulustiger nahm in den 90er Jahren bestaendig zu. Heute besuchen jedes Jahr hunderttausende Auslaender Cusco und Machu Picchu. Sie veraenderten das Stadtbild von Cusco vermutlich in aehnlichem Masse, wie es einst die Spanier taten. Die negativen Folgen dieser erneuten Assimilierung habe ich mir ja bereits an anderer Stelle von der Seele geschrieben.

Cusco bei Nacht, man beachte den Waldbrand am Horizont

Das Erstaunliche an Cusco ist derweil, dass es trotz diesem offensichtlichen Mangel an Authenzitaet irgendwie zu gefallen weiss. Vielleicht deswegen, weil man hier den Uebergang einer Kultur in eine andere (so verurteilenswert er auch sein mag) auf Anschaulichste nachvollziehen kann. Die Stadt ist ein Inkaheiligtum, das von den Tentakeln des Katholizismus ueberwachsen wurde. Dieser ungleiche Hybrid wurde schliesslich in dem Bestreben, Scharen von Touristen zu bespassen, in hoechstem Masse verwestlicht und kommerzialisiert.

Heute zeugen nur noch die ueberal sichtbaren Mauerreste aus Inkazeiten, auf die koloniale Gebaeude oder Kirchen gebaut wurden, von dem Cusco vergangener Jahrhunderte. Bestimmt wird das Stadtbild laengst von Hostal- und Restaurant-Fassaden, zwischen denen hellhaeutige Touristen mit Lama-Strickmuetzen und Sonnenbrillen hin und her spazieren. Dennoch blickt man ab und zu vorbei an dem Touristenkorsett und bekommt eine Ahnung davon, wie es frueher ausgesehen haben koennte.

Ein Stueck Inkamauer, inklusive weltberuehmten 12-eckigem Stein


Losgeloest von solchen Ueberlegungen besticht die Stadt, in einem Tal auf 3.400 m Hoehe gelegen, durch hochsommerliche Temperaturen und strahlend blauen Himmel - Tag fuer Tag (zumindest waehrend der Trockenzeit). Nachts wird es jedoch bitterkalt, sodass Cusco wohl eine der wenigen Staedte ist, in der man einen Sonnenbrand und eine Erkaeltung an ein und demselben Tag kriegen kann.

Ausblick von der Terasse unseres Hostals

Wir blieben drei Tage in Cusco. Hoehepunkt unseres Aufenthalts war sicherlich die Wanderung zu den Ruinen der Festung Saqsaywamán, die einst als Bollwerk gegen Eindringlinge ueber der Stadt errichtet wurde. Auch hier zeigte sich wieder der schizophrene Charakter Cuscos: wenige Meter von den Mauerresten entfernt thront eine zehn Meter hohe, aus weissem Stein gefertigte und nachts hell beleuchtete Jesus-Statue ueber der Stadt.
Waehrend dem Aufstieg erlebte die K. derweil ein Highlight persoenlicher Art: zwei 19-jaehrige Maedchen aus Germany wollten sich unbedingt mit ihr fotographieren lassen, da sie ihr eine sehr grosse Aehnlichkeit mit der Schauspielerin Kirsten Steward attestierten (die alle nach 1990 Geborenen als Heldin der Twillight-Saga kennen). Das ist der K. nicht zum ersten Mal passiert, aber zum ersten Mal im Ausland und zum ersten Mal mit Photo-Anfrage.

Saqsaywamán-Ruinen (rechts) und Jesus-Statue (links) ueber Cusco

Mittlerweile sind wir ins Heilige Tal der Inkas weitergefahren. Hier haben wir uns einige Inka-Ruinen angeschaut (ueber die ich beim naechsten Mal berichte) und uns tatsaechlich dazu durchgerungen, den (vor allem in organisatorisch-finanzieller Hinsicht) beschwerlichen Weg nach Machu Picchu anzutreten.

Dienstag, 10. August 2010

Cusco - eine Polemik

Hereinspaziert! Treten Sie ein in die heilige Stadt der Inkas, in das Disneyland Perus, in das einzig wahre Gringobamba. Setzen Sie sich nicht mit Bussen oder anderen niederen Transportmitteln auseinander, sondern fliegen Sie direkt aus Lima nach Cusco. Trinken Sie Coca-Tee gegen die Hoehenkrankheit und buchen Sie gleich Ihre 250$-Tour nach Machu Picchu.

Spazieren Sie durch mit Inkasteinen gepflasterte Gassen und staunen Sie zusammen mit Dutzenden anderen Touristen ueber die Wollmuetzen verkaufenden Einheimischen am Strassenrand, die sogar Englisch sprechen. Versaeumen Sie nicht, ein Photo mit den eigens dafuer aus der Schule ausgeschiedenen, trachtentragenden Kindern mit Lama-Baby auf dem Arm zu machen. Nur ein Dollar!

Speisen Sie ueber europaeischem Preisniveau in Restaurants, an deren Tuer eine schick dekorierte Speisekarte prunkt - auch in deutscher Sprache! Vermissen Sie keine Sekunde lang das Essen aus der Heimat und kaufen Sie im Supermarkt direkt am Plaza de Armas ein. Fuenf Scheiben Schwarzbrot fuer nur fuenf Euro!

Kaufen Sie eines der mit 50$ spottbiligen Touristen-Kombitickets und freuen Sie sich auf auf einen pausenlosen Museen- und Ruinen-Marathon, waehrend dem Sie sich ganz bestimmt auf all die Details zwischen den Panoramaphotos einlassen koennen.

Fahren Sie im klimatisierten Touristenbus ins Heilige Tal der Inkas und schiessen Sie mit Ihrer nagelneuen Spiegelreflex-Kamera bunte Bilder vom Markt in Pisac. Aergern Sie sich nicht, wenn Sie es nicht hinbekommen, ein Photo zu machen, auf dem kein anderer Tourist ist. Dafuer koennen Sie hier auf Englisch feilschen!

Erleben Sie waehrend Ihres Aufenthalts den ganzen Zauber Perus, der mindestens so authentisch ist, wie das Leben der Schaufensterpuppen zuhause. Fliegen Sie schliesslich in die Heimat und erzaehlen Sie allen, Sie waren in Peru und Sie haben alles gesehen; das Leben, die Menschen und Machu Picchu.

Donnerstag, 5. August 2010

Ayacucho und die Vergangenheit

"Hier muss man ein ganz schoenes Vertrauen in Leute haben, die man nicht kennt", meint die K. waehrend ich mit einem etwas bangen Gefuehl im Magen in den Abgrund jenseits der Fensterscheibe schaue. Wir befinden uns im Bus auf dem Weg von Huancayo nach Ayacucho. Vor etwa zwei Stunden ist unsere asphaltierte Strasse zur steinigen Piste geworden, die irgendwann einmal in einen Berghang oberhalb eines Canyons gemeiselt wurde. Da bisher keine Leitplanke installiert wurde, trennt uns nur die umsichtige Fahrweise des Chofers in Verbindung mit ausbleibendem Gegenverkehr von groesseren Panikattacken. Ziemlich durchgeschuettelt kommen wir eine Reifenpanne sowie einen halben Tag spaeter widererwartend wohlbehalten in Ayacucho (100.000 Einwohner) an.

Nicht nach rechts unten schauen: Busfahrt von Huancayo nach Ayacucho

Ayacucho entpuppt sich als gemuetliches Andenstaedtchen, dessen Bewohner uns aehnlich freundlich-unaufdringlich begegnen wie die Huancayos. Im Gegensatz zu Huancayo sind die Strassen Ayacuchos mit Vergangenheit gepflastert. Mehrfach wurde die Region im Laufe der Jahrhunderte an die Oberflaeche der peruanischen Nationalgeschichte geschwaemmt - und hat manche Narbe davongetragen, die man in Anbetracht der Freundlichkeit der Bewohner nicht vermuten wuerde.

Plaza de Armas im Herzen Ayacuchos

1.) Schon zu Zeiten, als Europa noch im dunklen Mittelalter verharrte, war die Region rund um Ayacucho Sitz einer Hochkultur. Die Wari errichteten zwischen 500 und 1100 n.Chr. ein Imperium, das zu seinen Hochzeiten zwei Drittel der Flaeche des heutigen Perus umfasste. Der Antrieb der Wari war interessanterweise nicht Groessenwahn, sondern das Bestreben, neue Maerkte fuer ihre Produkte zu erschliessen. Ihre Hauptstadt hatten die Wari in der Naehe von Ayacucho errichtet - bis zu 50.000 Menschen lebten hier.

Heute ist von der Wari-Hauptstadt nur noch ein 1500 Hektar grosses Gebiet mit Mauerresten uebriggeblieben, die im Laufe der Jahrhunderte von Kakteen ueberwachsen und vom Wuestenwind erodiert wurden. Als ich heute durch die Ueberreste dieser einstigen Hochkultur spazierte, fuehlte ich mich dennoch in der Zeit zurueckversetzt und konnte mir vorstellen, wie hier einst eine pulsierende Handelsmetropole dem rauen Hochlandklima trotzte. Es kam mir der Gedanke, dass von den meisten Zivilisationen letztendlich nicht mehr uebrigbleibt, als ein paar Mauerreste im Nirgendwo. Einzig die zwischen den Kakteen herumhuepfenden Heuschrecken scheinen der Waki zu gedenken.

Mehr bleibt selten uebrig, wenn Imperien zu Grunde gehen: Ruinen der Waki-Kultur

Ihr Ende fanden die Waki uebrigens vermutlich als sie sich - nachdem sie laengst ihren Zenit ueberschritten hatten - mit einigen anderen Staemmen zusammen taten um ein groessenwahnsinnig gewordenes Nachbarstaemmchen in die Schranken zu weisen. Vor den Toren Cuzcos unterlag diese Koalition jedoch vollkommen ueberraschend der Armee der Aufmuepfigen - die die heutige Geschichtsschreibung als die Inkas kennt und die in den folgenden Jahrhunderten halb Suedamerika unterwerfen sollten.

2.) Nicht unweit der Wari-Ruinen, am Rande des kleinen Doerfchens Quinua, wurde ein weiteres Stueck peruanischer Geschichte geschrieben: auf einem Huegelkamm, der das Tal von Ayacucho ueberblickt, besiegten im Jahr 1824 5.000 Peruaner 8.000 Royalisten und besiegelten damit die Unabhaengigkeit Perus vom spanischen Imperium. Heute erinnert ein 40 Meter hoher Obelisk an die ins peruanische Nationalgedaechtnis eingegangene Schlacht. Auch beim Gang ueber das ehemalige Schlachtfeld, auf dem heute vertrocknetes Gras vom Wind durchstreift wird und Kinder Drachen steigen lassen, konnte ich mir regelrecht ausmalen, wie auf diesem abgeschiedenen Flecken Erde einst gelitten und getoetet wurde.

Obelisk zum Gedenken der peruanischen Unabhaengigkeitsschlacht bei Quinua

3.) Das letzte geschichtstraechtige Kapitel Ayacuchos liegt nicht mal zwei Jahrzehnte zurueck. Die maoistischen Guerillas des Leuchtenden Pfades ueberzogen in den 1980er Jahren (nach dem Ende der Militaerdiktatur und der Etablierung einer demokratischen Regierung) die zentrale Andenregion mit einer blutigen Terrorkampagne (die sich Anfang der 1990er Jahre auf ganz Peru ausgeweitet hatte). Ihren Ursprung nahm der buergerkriegsaehnliche Konflikt in Ayacucho, dessen Umland auch einen Grossteil der ueber 60.000 Opfer (!) zu beklagen hatte. Die Schuld ist hierbei uebrigens nicht alleine den Rebellen zuzuschieben, denn die 1982 ausgesandte Armee wuetete auf der Suche nach Guerillas mindestens genauso schlimm, besonders unter der indigenen Bevoelkerung. Bis zur Verhaftung der Fuehrungsriege des Leuchtenden Pfades im Jahr 1992 wurden etliche Provinz-Politiker ermordert, Hilfsprojekte zerstoert, unzaehlige Menschen verschleppt/gefoltert und ganze Doerfer massakriert. Die Aufarbeitung dieser traumatisierenden Epoche hat erst in diesem Jahrtausend begonnen. Initiierend dabei war unter anderem der von Wittwen gegruendete Anfasep-Verein (Asociacion Nacional de Familiares de Secuestrados Detenidos y Desaperacidos del Peru), der ein Museum hier in Ayacucho betreibt, das die K. und ich gestern besucht haben.

Kunstwerk im Anfasep-Museum, das die Graeultaten des Leuchtenden Pfades (links) und der peruanischen Armee (rechts) veranschaulichen soll

Nach dieser geballten Ladung (teils schockierender) Geschichte glauben wir einen ersten Einblick in die peruanische Seele erhascht zu haben. Als naechstes wollen wir noch einige Jahrhunderte zurueckgehen, und uns der vor der Konquista massgebenden Inka-Kultur zu naehern. Wo ginge das besser als im "Heiligen Tal", wo fast jeder Berghang Inka-Ruinen offenbart. Um dorthin zu kommen, muessen wir allerdings zwei zehnstuendige Busfahrten durch die Berge ueberstehen, die der letzten in nichts nachstehen duerften - dabei hoffen wir auf moeglichst viele Leitplanken und nuechterne Busfahrer. Vielleicht wachen ja einige der Inka-Gottheiten ueber uns.

Samstag, 31. Juli 2010

Huancayo

Es kam uns so vor, als seien wir auf dem Mars gelandet. Oder zumindest im Wilden Westen. Jeder unserer Schritte auf dem steilen Lehmpfad wirbelte eine kleine Sandwolke auf. Die Sonne knallte erbarmungslos und die trockene Bergluft hatte laengst den letzten Tropfen Feuchtigkeit aus unserer Haut gesogen. Am Wegesrand reihten sich broeckelnde Haeuser auf, in deren Schatten unrasierte Maenner kauerten und alte Frauen Stickereien anfertigten. Wir begegneten zahllosen streunenden Hunden, die jedoch kein Interesse an uns zu haben schienen - genauso wenig wie die fussballspielenden Kindern, an denen wir hin und wieder vorbei kamen.


Es erschien uns etwas surreal, dass wir eine halbe Stunde zuvor im Zentrum Huancayos noch in einer riesigen, klimatisierten Shopping-Mall einkaufen waren, die sich genauso gut in Deutschland haette befinden koennen. Doch hier, am Rande der Stadt, schien die Zeit stehen geblieben zu sein und die einzigen Globalisierungsfaeden in unsere Welt waren vereinzelte Kioske, die Coca Cola Flaschen verkauften.

Wir befanden uns auf dem Weg zu dem Mini-Canyon Torret Torret, der einen ausserhalb der Stadt beginnenden Berghang durchpfluegt. Der Wind hat hier im Laufe der Jahrtausende eine Schneise in den Berg gefressen und einige Fels-Saeulen stehenlassen. Oben bei den roetlichen Felsformationen angekommen, genossen wir die Aussicht auf diese gegensaetzliche Stadt, die sich unter uns im Dunst der Hochlandsteppe ausbreitete.

Turmartige Felsformationen

Es war unser zweiter Tag in Huancayo. Die Hoehenluft machte uns noch etwas zu schaffen, jedoch bei weitem nicht mehr so sehr wie am Tag zuvor. Nach der ersten Nacht hatten wir unser Hostal gewechselt und wohnten nun im Backpacker-Treff La Casa de la Abuela, das mit Papagei, Hund, Katze und goldigem Kleinkind im Garten ein bisschen an die Villa Kunterbunt erinnert.

Die Kathedrale von Huancayo

Vor unserem Ausflug zu den Felstuermen hatten wir noch eine Prozession im Zuge des Nationalfeiertages begleitet: Maenner mit Hueten, die auf Blasinstrumenten die Geraeuschkulisse fuer die Taenze ihrer Trachten-tragenden Ehefrauen liefern und dabei eine durch und durch ansteckende Froehlichkeit verspruehen. Interessant in diesem Zusammenhang war auch, dass so gut wie jedes Haus an dem wir an diesem Tag vorbeikamen, die peruanische Nationalflagge gehisst hatte - offenbar ist Patriotismus hier Buergerpflicht.

Nationalfeiertag-Umzug mit tragbarer Harve

Gestern dann besuchten wir einen grossen Markt, auf dem riesige Ferkel ueber offener Flamme gegrillt und Lama-Schoenheits-Wettbewerbe abgehalten wurden. Unser anschliessender Besuch der einige Kilometer entfernten Ruinen der Waki-Kultur (die von den Inkas verdraengt wurden) verlief jedoch etwas enttaeuschend, da nicht viel mehr als ein quadratischer Mauerrest von der einstigen Siedlung uebrig geblieben ist.

Lama-Schoenheitswettbewerb

Allgemein hatten wir waehrend unseres Aufenthalts in Huancayo an der Informationsarmut im Hinblick auf touristische Aktivitaeten zu knabbern. Zwar versuchte man uns an jeder Ecke, irgendwelche Touren aufzuschwaetzen (es gibt offenbar viele peruanische Touristen in Huancayo), aber ein unabhaengiges, informationsspendendes Touristenbuero suchten wir vergebens. Obendrein frustrierten uns unsere Reisefuehrer (Lonely Planet Peru und Footprint Southamerica), die diese Region offenbar hoechst nachlaessig recherchiert hatten und uns entweder nicht weiterhalfen oder mit Fehlinformationen verwirrten - damit zahlten wir wohl den Preis fuer unser Bestreben, uns abseits der ausgetretenen Touristenpfade zu bewegen. Folglich erinnerte ich mich regelrecht nostalgisch an meinen Ecuador-Reisefuehrer von Volker Feser, der einen auch in abgelegeneren Regionen nicht im Stich gelassen hat.

Heute schliesslich wollten wir eigentlich Huancayo Richtung Huancavelica verlassen. K. hat jedoch das zweite unumgaengliche Anpassungsstadium jeder Suedamerika-Reise erreicht (nach der Hoehenkrankheit) und sich den Magen verdorben. So haben wir unseren Aufenthalt hier etwas verlaengert. Bald geht es dann aber weiter Richtung Sueden, wohl direkt ins huebsche Andenstaedtchen Ayacucho, das als Uebergangsstation nach Cusco und Arequipa dienen soll.