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Freitag, 16. Juli 2010

Aus dem Hochland in den Dschungel

Nach meiner Zeit mit Familie Morales ging es Richtung Westen, aus der Hochebene der Vulkane hinab in den Nebelwald. Eine dreistuendige, holprige und kurvenreiche Busfahrt von Otavalo aus, die ich stehend in einem zu niedrigen und ueberfuellten Bus verbringen musste, brachte mich schliesslich in die Intag-Region. Hier, auf 1.400 m Hoehe, befindet man sich im subtropischen Klima. Weitlaeufige, von dichter Vegetation bewachsene Bergkaemme zerpfluegen die Landschaft, in den Taelern fliessen zu stattlichen Fluessen angewachsene Gebirgsbaeche.

Mich zog es hier zu den Thermalbaedern von Nangulvi, die sich jedoch als mittelgrosse Enttaeuschung entpuppten. Ich hatte irgendwie mehr erwartet als ein paar schmutzige Schwimmbecken mit warmem Wasser. In der Region waren vor allem einheimische Touristen unterwegs und ich hatte Pech mit meinem Hostel: schmutziges Zimmer, bewohnt von Ameisen, mit bedenklich brummendem Flacker-Licht und hauchduennen Waenden.

Blick ueber die Intag-Region

Ich blieb nur eine Nacht in der Naehe von Apuela, machte am Morgen vor meiner Weiterreise jedoch noch eine beeindruckende Wanderung aus dem Tal hinauf auf einen der Bergkaemme. Gesucht habe ich ein paar Ruinen aus einer praekolumbischen Zeit, die ich jedoch nicht fand. Stattdessen wurden mir aber einige faszinierende Einblicke in das Leben zwischen Bananenplantagen, Wasserfaellen und schnell vorueberziehenden Nebelschwaden zuteil. Die Menschen der Intag-Region scheinen ihrem Tagesgeschaeft mit ausserordentlicher Gemuetlichkeit nachzugehen - ich habe mich allerdings einige Male penetrant angestarrt gefuehlt; vielleicht, weil sich nicht viele gringos in diese entfernte Gegend verirren.

In anderem Masse ist Intag aber eine Region mit Vorbildcharakter: die Bewohner haben sich mehrfach politisch organisiert, u.a. um die sie umgebende Natur im Kampf gegen skrupellose Minenfirmen zu beschuetzen. Auch erwaehnenswert ist die einst von Entwicklungshelfern gestartete Intag-Zeitung, die ueber das Leben der indigenen Bevoelkerung und kommunale Geschichten berichtet - haette ich nach dem Abitur doch hier mal ein halbes Jahr verbracht.

Zurueck in Otavalo wollte ich mich von dem koerperlich anstrengenden Abstecher erholen (um den Bus zurueck ins Leben zu kriegen, musste ich mehrfach die Haltestelle wechseln, sprinten, schwitzen, und schliesslich feststellen, dass einem drei Ecuadorianer garantiert drei verschiedene Sachen ueber den Busfahrplan erzaehlen).
Aus meinem Plan, gediegen im Hostel zu faulenzen, wurde aber nichts, denn: ich habe mir meine Regenjacke klauen lassen. Wie das geschehen ist, weiss ich nicht. Tatsache war aber, dass sie als ich nach Nutzung des Internets das zugehoerige Cafe verlassen wollte, nicht mehr hinter mir hing. Da jegliches Nachfragen und Gesuche vergeblich war, habe ich mich auf den Weg nach Quito begeben und bei einem ecuadorianischen Outdoor-Ausstatter fuer 50$ einen fast gleichwertigen Ersatz erstanden.

Nach einer Nacht in Quito in der Backpacker´s Inn ("Che Guevara haengt im Treppenhaus"), wo ich Backpacker verschiedenster Coleur kennenlernte, mit denen ich unter anderem den grandiosen Film Kick-ass schaute, bin ich in Richtung Regenwald aufgebrochen.
Dienstag abend kam ich im kleinen Dschungel-Dorf Misahualli an, das etwa eine Stunde oestlich von der Provinzhauptstadt Tena und fuenf Buststunden sued-oestlich von Quito liegt. Die Strasse dorthin ging staendig bergab, aus der Ebene zwischen den Vulkanen hinab ins Amazonas-Becken. An manchem Punkt konnte man geradezu spueren, dass dort, in Richtung Tal, keine Berge mehr kommen und das keine Erhebung den Blick gen Atlantik auffangen wuerde - auch wenn man es wegen dichter Wolken leider nicht sehen konnte.

Misahualli zeigte sich erstaunlich mild, auf dem Plaza vor meinem Hostal erinnerte aber eine Schar wild herumturnender Affen daran, dass man sich in den Tropen befindet. Diese Affen machten im Uebrigen jeden Weg quer ueber den von Brunnen und Palmen gezierten Dorfplatz zu einem kleinen Abenteuer - vollkommen hemmungslos sprangen sie Touristen und Einheimische an, nur um ihnen Taschen, Halsketten oder Feuerzeuge zu entreissen, die sie dann auf irgendein Dach schleppten um damit herumzuspielen. Rund um den Dorfplatz wurde daher Hostel-Gaesten eindringlich geraten, ihre Fenster zu jeder Tages- und Nachtzeit zu schliessen, da sonst Affen ins Zimmer eindringen und Verwuestung hinterlassen wuerden.

Der Strand von Misahualli

Auf der Suche nach Abendessen fande ich schliesslich meinen Weg ins Hostal Shaw, das der einzig belebte Flecken an diesem Abend zu sein schien. Ehe ich mich versah, war ich von einer Gruppe dort wohnender kanadischer Volontaere zu ihrer Abschlussfeier in einem indigenen Dorf flussabwaerts eingeladen, in dem die Kanadier zwei Wochen lang sanitaere Anlagen und Dschungelpfade errichtet hatten. So kam es, dass ich wenig spaeter in einem Motor-Kanu ueber den Rio Misahualli schoss, tropische Prise im Gesicht und Bier in der Hand, umgeben von der naechtlichen Symphonie eines Amzonas-Zubringers.

Durch den Dschungel mit dem Taxi-Camioneta

Der Abend war dann auch so lustig, dass mich die sympathischen Kanadier am naechsten Tag mit zum Rafting auf einem in der Naehe befindlichen Fluss schleppten. Hier kaempften wir unseren Weg durch Stromschnellen, kenterten mehrere Male fast und machten etliche Male intensive Bekanntschaft mit dem Wasser des Tropenflusses, das belebte, durchstroemte und begeisterte. Nur mit Schwimmweste durch Stromschnellen geschwemmt zu werden, in denen sich meterhohe Wellen vor einem auftun, war der ultimative Kontakt mit der Natur und bescherte mir ein bisher unbekanntes Gefuehl der Freiheit.

Schildkroeten im AmaZOOnico

Die Kanadier reisten noch am selben Abend ab. Am naechsten Morgen erkundete ich ein bisschen eigenstaendig die Umgebung und bestritt den etwas muehsamen Weg (Fussmarsch, Bus der erst nicht kam, Kanu) zu der Tier-Station AmaZOOnica, in der aus dem illegalen Handel gerettet Tiere aufgefangen und wieder an die Natur gewoehnt werden sollen. Bei dieser Gelegenheit sah ich Affen, Papageien mit absurden Farbkombinationen (blaue Schnaebel, gelbe Augen, rot-schwarze Federn!), eine Anaconda und sich paarende Schildkroeten. Gegen Abend machten mir dann aber ca. 40 Mueckenstiche an meinen Beinen zu schaffen, die ich mir am Vortrag zugezogen hatte. Ausserdem suchte das Dorf ein echter Tropenschauer heim, der in den Nachtstunden unvorstellbare Regenmassen auf die Erde niederprasseln liess und auch das Dach meines 7$-Zimmers ueberforderte: so tropfte es an mancher Stelle durchs Dach und Schlaf fand ich erst in den fruehen Morgenstunden.

Heute morgen habe ich dann den Dschungel verlassen und bin nun etwas weiter suedlich in den Subtropen, in Baños, dem "Tor zum Oriente". Hier will ich ein bisschen entspannen, ehe ich mich auf den gut 1000 km weiten Weg nach Lima mache. Auf diesem werde ich aber wohl noch einige Zwischenstationen einlegen, ehe ich morgen in einer Woche in der peruanischen Hauptstadt eintreffen moechte.

Sonntag, 11. Juli 2010

Das gute Leben (Chilcapamba)

Da stand ich also, auf einem Erbsen-Feld, mit Spitzhacke in der Hand und Schweiss in den Augen. Ueber mir knallte berstend die Aequator-Sonne und ploetzlich waren sie da, die Gedanken. Was macht das Wissen um Atom-Orbitale, Quanten-Objekte und Supernova-Schockwellen eigentlich wertvoller als das Wissen um den Geruch von frischen Zitrus-Blueten, den Klang von froehlichem Kinderlachen oder das Gefuehl von frisch aufgewuehlter, klebriger Erde in den Haenden?

Dort auf dem Feld im 500-Seelen-Doerfchen Chilcapamba, am Hang des Vulkans Cotocachi auf knapp 3000 m Hoehe, habe ich dann entschlossen, mir die Welt ein bisschen genauer anzuschauen, als das in den vergangenen Jahren der puren Vergeistigung der Fall war. Es scheint mir als koenne kein Ort geeigneter dafuer sein, den Kontakt zur sinnlichen Seite des Lebens wiederherzustellen, als Chilcapamba: ueberall blueht und blumt es, das ganze Jahr ueber, ununterbrochen und unaufhaltsam. Alles lebt, kriecht, kaempft. Man muss nur hinschauen und nicht sofort wieder weggucken.

Doch wie kam ich ueberhaupt auf das Erbsen-Feld dort oben in den Anden?


Ihren Ausgangspunkt nahm meine Reise durch Nord-Ecuador vor einer Woche in Otavalo, einer 20.000-Einwohner-Stadt zwei Stunden noerdlich von Quito. Grosse Teile der Bergregionen Ecuadors, aber auch des Amazonas-Tiefland im Osten, sind indigen gepraegt, d.h. ein Grossteil der Bevoelkerung stammt unmittelbar von den Ureinwohnern Suedamerikas ab - was sich unter anderem an einem dunkleren Hautton, lang-getragenen Haaren und traditioneller Kleidung erkennen laesst. Otavalo ist gewissermassen die indigene Hochburg, denn hier findet jeden Samstag der groesste Indio-Markt Suedamerikas statt, auf dem indigene Kleidung, Schmuck, Wandteppiche, Taschen etc. vertrieben wird.

Ich blieb zunaechst zwei Naechte in der beschaulichen Kleinstadt Cotocachi, eine halbe Stunde von Otavalo entfernt. Von dort aus habe ich am Montag einen Ausflug zur Kraterlagune Cuicocha unternommen, die direkt am Hang des Cotocachi-Vulkans gelegen durch und durch pittoresk daher kommt und tolle Blicke auf sowohl auf das schneebedeckte Haupt von "Mutter" Cotocachi (bei meinem Besuch leider in Wolken) als auch auf den vielleicht 20km entfernten "Vater" Vulkan Imbaburra gestattet.

Die Kraterlagunge von Cuicocha

Dort erinnerte ich mich dann an einen Tipp, den ich hier in Deutschland von der franzoesischen Freundin eines Arbeitskollegen bekommen hatte. Etwas verunsichert waehlte ich also eine Telefonnummer und vereinbarte in ausserordentlich holprigem Spanisch eine Verabredung fuer den naechsten Tag. Auf dem Weg zu dieser fuhr ich vom Dorf Quiroga aus stets bergauf ueber eine Strasse, die diese Bezeichnung eher nicht verdient, vorbei an bellenden Hunden, beharrlich guckenden Kindern und alten Frauen mit zerpferchten Gesichtern. Dann, ploetzlich, hielt mein Taxi vor einer kleinen Hofeinfahrt, inmitten von Feldern und Bergluft.

Direkt vor der Haustuer: der Cotocachi (4.939 m)

Hier war ich also, am Haus und Hof von Alfonso Morales und seiner Frau Francisca, stolze Eltern von drei Kindern und Besitzer von einer Handvoll Schweine, einer Schar Hunde, von Huehnern und Kuehen. Ehe ich mich versah war ich in ein wildes Fussballspiel mit Victor (13), Concuela (11) und Tupac (5) verwickelt, half beim Fuettern des 150kg-Schweins im Garten und wurde von der Schar heranwachsender jedoch liebevoller Hunde angesprungen.

Die naechsten drei Tage lebte ich zusammen mit der Familie und begleitete Alfonso auf all seinen Gaengen durch das Dorf und seinen Fahrten in andere Regionen. Zusammen mit seinen Geschwistern ist Alfonso fester Bestandteil der Leitung der Kommune Chilcapamba, die sich geformt und mit anderen Kommunen zusammengeschlossen hat, um fuer die Rechte der indigenen Bevoelkerung einzutreten. Selbige in Chilcapamba lebt den Zwiespalt zwischen Erhalt der Traditionen und Weltoffenheit auf beeindruckende Weise.

Grosse Teile des Dorfes leben nach wie vor vom Anbau von Mais, Kartoffeln, Erbsen, Bananen etc. sowie von der Tierhaltung. Ein anderer Teil der Kommune hat sich auf Kunsthandwerk spezialisiert, d.h. sie weben Pullover, Muetzen und Wandteppiche aus Alcapa-Wolle oder flechten aus Kakteen extrahierte Fibern zu den traditionellen Schuhen der Indigenas. Und dann sind da Alfonso und sein Bruder, die vor zehn Jahren einen Kredit aufnahmen um ihre Haeuser zu vergroessern und seitdem Touristen ein indigenes Leben zeigen, das auf den Grundpfeilern der Naturverbundenheit, des Kulturerhalts und des Familienbezugs aufbaut. Der "kommunitaere" Tourismus Chilcapambas kommt dabei ohne Hinweise in Reisefuehrern oder Homepages aus. Lediglich die Mund-zu-Mund-Propaganda gewaehrleiste, dass nur jene Touristen den Weg ins Dorf finden, die auch wirklich Interesse am Leben der Indigenas haben, meint Alfonso.

In der Tat waren die drei Tage so weit von der Superlativ- und Durchreise-Mentalitaet der Lonely-Planet-Juenger entfernt, dass ich mich nur sehr widerwillig nach drei Tagen verabschiedet habe, um auch noch weitere Teile Ecuadors sehen zu koennen - in denen mir eben jene Mentalitaet wohl wieder verstaerkt begegnen wird.

Die drei Tage selber waren gehaeufte Glueckseeligkeit im Bezug auf die mich umgebende Natuerlichkeit und viele neue, zum Teil nachdenklich stimmende, aber ueberwiegend sehr inspirierende Eindruecke. Beispielsweise habe ich noch nie so gluecklich wirkende und zugleich offene Kinder erlebt, wie die Kinder Alfonsos. Zufrieden mit ihrer Umgebung haben sie den Blick fuer die Feinheiten der Natur um sie herum noch nicht verloren und scheinen so etwas wie Langeweile nicht zu kennen - was sicherlich auch den sorglosen und gelassenen Umgang ihrer Eltern mit ihnen widerspiegelt.


Es gaebe noch vieles mehr zu erzaehlen, aber das wuerde hier glaube ich den Rahmen sprengen, sodass ich gegebenenfalls an anderer Stelle darauf zurueckkommen werde. Festzuhalten bleibt, dass Chilcapamba ein Ort ist, der so andersartig-natuerlich ist, dass er mir die Augen fuer etwas geoeffnet hat, das drohte, verloren zu gehen. Ich hoffe lange daran festzuhalten und von nun an die Sinne weiten zu koennen, auf der Suche nach dem wahren, dem guten Leben.